Solvency II – (6.1) Datenhaushalt und Prozesse – Wie sieht es heute aus, welche Auswirkungen sind zu erwarten?

In Beitrag 6 geht es um den Datenhaushalt, der für Solvency II bereitgehalten werden sollte. Den Beitrag habe ich wegen der Länge  aufgeteilt. Die Vorgänger sind:

Ausgangsbasis

Als Basis für meine Ausführungen sehe ich folgende, im Internet frei zugängliche, Werke:

  1. Solvency II – Data Impacts on Asset Management, ein gemeinsam von der EFAMA, einen Expertenkreis un der KPMG erstellter Report aus dem Jahre 2012. Der Report, ist auf der Seite der EFAMA zu beziehen.Den EFAMA Report sehe ich als Schlüsseldokument. Die anderen beiden Dokumente als Argumentationshilfe für den visionären Gestaltung von Prozessen und Systemen eines Asset Managers für ein den regulatorischen Anforderungen langfristig gerecht werdendes System.
  2. BCBS 239 – Grundsätze für die effektive Aggregation von Risikodaten und die Risikoberichterstattung. Die Grundsätze sollen in die  für Banken und ihr Umfeld geltenden Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) einfließen. BCBS steht für Basel Committee on Banking Supervision.BCBS 239 beschäftigt sich mit Grundsätzen zur Gesamtunternehmensführung und Infrastruktur, den Risikodatenaggregationskapazitäten und der Risikoberichterstattung.Okay, ich höre es bis an meinem Schreibtisch, jetzt zaubert er auch noch irgendwelche Anforderungen, die sich nur an Banken richten, aus dem Hut. Nun ja, Ich schaue mir die Dinge eben lieber im Gesamtkontext an. Eine streng isolierte Betrachtung, greift meist viel zu kurz. Außerdem, wenn der Fondsmanager, als Tochtergesellschaft einer Bank am Markt tätig ist, dann ist die Brücke schon geschlagen.Mir geht es aber nicht um die BCBS 239 und ihre Umsetzung, sondern um die hier angesprochenen Ansätze, welche Zeigen, wohin die Reise künftig gehen wird. Für mich dienen die Ansätze als visionäre  Basis für die Fortentwicklung von leistungsfähigen IT Systemen und Organisationsabläufen und -strukturen.
  3. ISAE 3402 –  Zertifizierung von internen Kontrollsystemen von Outsourcing Dienstleistern. ISAE steht für International Standard for Assurance Engagements.

Die Zertifizierung bietet eine Möglichkeit den Versicherungskunden die Prüfung der Solvency II konformen Vermögensanlage und -verwaltung zu erleichtern.

Daten-Haushalt

Auf der Seite 9 des Reports der EFAMA werden die Herausforderungen und Auswirkungen auf den Punkt gebracht. In komprimierter Form sind dies:

  1. Granularität
  2. Eindeutige, lückenlose Identifizierung und Klassifizierungen
  3. Look-Through-Ansatz
  4. Flexible Reporting (adhoc Reporting)
  5. Data Quality Management (DQM)
  6. Data Governance
  7. Datenbeschaffung
  8. Datenverteilung

Diese Punkte dienen als Gliederungspunkte des Beitrags.

Granularität

Die Forderung nach einer höheren Granularität der Informationen wird insbesondere den FoF Manager treffen. Gerade er verwaltete bis heute Daten eher in aggregierten Form. Hintergrund ist der Zeitdruck unter dem Daten aufbereitet werden müssen und daraus ableitend ein aus der Historie heraus entstandener fehlender Lieferdruck nach granularen Daten.

Wie sieht es heute in der Regel beim FoF Manager aus?

Es gibt FoF, die weisen in ihren Fondsberichten die Portfolio Unternehmen erst gar nicht aus, sondern erstellen je Berichtsperiode aggregierte Übersichten, welche die Ausprägungen aus dem Fondsprospekt wiedergeben.

Beispiel aus dem Fondsprospekt: Investments nach Land/ Region in

Segment Wert
DACH-Bereich max. 30%
Skandinavien max. 20%
Benelux max. 25%
UK max. 50%

Beispiel aus dem Fondsbericht: Investments nach Land/ Region in

Segment %
DACH-Bereich 20%
Skandinavien 20%
Benelux 30%
UK 30%
Total 100%

Die Investoren haben dadurch die Gelegenheit, die Planwerte aus dem Prospekt mit den realen Werten zu vergleichen. Im obigen Beispiel wäre der Manager gezwungen, seinen Investoren die Abweichung in Benelux zu erläutern. Die dahinter stehenden einzelnen Investments sind nicht unbedingt bekannt. Eine solche Art der Berichterstattung erlaubt natürlich eine limitierte Datenbewirtschaftung beim FoF.

Der Ausweis jeder einzelnen Bilanzposition nach einem zentral vorgegebenen Rechnungslegungsstandard, unabhängig von der Ausgestaltung des Fonds, ist für viele Fonds neu.

Selbst, wenn bisher schon Fondsberichte mit höherer Granularität erzeugt wurden, erfolgte, alleine aus Gründen der Übersichtlichkeit, eine konsolidierte Darstellung von Positionen. Es hat niemanden interessiert, ob es sich um Barmittel, Festgeld oder Termineinlagen handelt. Sofern es sich um einen kurzfristigen Anlagezeitraum handelt, erfolgte ein konsolidierter Ausweis in einer Position, z.B. Liquide Mittel .

Auch Abgrenzungen werden meist in einer Sammelposition erfasst und nicht direkt dem Finanzinstrument zugeordnet.

Unbedingt zu beachten ist meines Erachtens, dass der Output in Form des Fondsberichts nicht mit dem dahinter liegenden Datenhaushalt vermischt wird. Datenprozessing und -verwaltung, ist – genauso wie die Datenerfassung – unabhängig vom späteren Output zu managen.

Leider ist es aber so, dass Fondsmanager, genau diese unglückseelige Verflechtung aktiv praktizieren. Der Margendruck in Kombination mit der Möglichkeit einer lockeren Berichterstattung, macht halt erfinderisch.

Welche Auswirkung hat dies auf die Umsetzung der Solvency II Anforderungen?

  • Gehen wir von diesem Status aus, dann ist gemäß den Anforderungen aus Solvency II von einem enormen Aufwand an Nacherhebung, Nacherfassung und Umstrukturierung von Daten zu rechnen.
  • Erst wenn diese Hausaufgaben gemacht sind, ist eine Grundvoraussetzung für einen vernünftigen Datenextrakt geschaffen.

Eindeutige, lückenlose Identifizierung und Klassifizierungen

Eine eindeutige Kennung zu vergeben sollte keine Herausforderung sein. Es sind aber viele Varianten  zu beachten, die dazu führen, dass man nicht nur mit einer fortlaufenden Seriennummer arbeiten kann, sondern auch öffentliche Identifikatoren berücksichtigen muss.

Wie sieht es heute in der Regel beim Fonds manager aus?

In den meisten Fällen gibt es einen Identifikator. Ob dieser jedoch der Anforderung nach Eindeutigkeit über die gesamte Laufzeit des Fonds stand hält ist oftmals fraglich.

Außerdem werden heute viele Positionen noch gar nicht so granular gepflegt. Daraus ergibt sich , dass gar keine Identifikatoren vorhanden sein können.

Welche Auswirkung hat dies auf die Umsetzung der Solvency II Anforderungen?

  • Vor allem müssen die Positionen, die eine Kennung erhalten sollen erstmal eingepflegt werden. Ohne Pflege keine eindeutige lückenlose Identifizierung!
  • Dann gilt es eine geeignete Logik für die automatische Erstellung von Identifikatoren einzurichten. Diese sollte die Kombination aus internen und öffentlichen Identifikatoren nicht vernachlässigen.

Look-Through-Ansatz

Die Aufsicht fordert vom Versicherer grundsätzlich die Anwendung des Look-Through-Ansatzes.

In bestimmten, begründeten Ausnahmefällen, kann aber auf den Look-Through verzichtete werden, wenn stattdessen eine Gruppierung für sämtliche relevanten Positionen, wie z.B. Währung, Industriezweig, Land durchgeführt wird.

Diese Ausnahme ist auf 20% der gesamten Vermögensanlagen des Versicherers beschränkt.

Wie sieht es heute in der Regel beim FoF Manager aus?

Bei mehreren hundert Portfoliounternehmen  besteht bei einem FoF gar nicht die Kapazität, um sich  jedes einzelne Investment und schon gar nicht, die darunter liegenden nicht bekannten Finanzinstrument, näher anzuschauen. Hier gibt es eine klare Aufteilung zwischen Zielfonds und dem FoF.

Manche FoF Manager erfassen schon einiges an Informationen zu Portfolio Unternehmen, aber in dem Detailgrad, wie von Solvency II gefordert, habe ich dies bisher kaum gesehen.

Welche Auswirkung hat dies auf die Umsetzung der Solvency II Anforderungen?

  • Die Geschäftsabläufe zwischen FoF Manager und Zielfonds manager müssen komplett überarbeitet werden. Bestehende Verträge müssen angepasst werden. Die Frage  ist: Wie verhalten sich die Manager der Zielfonds außerhalb des Solvency-II-Rechtsraumes?
  • Neue Wege der Datenbeschaffung und des Datenaustauschs müssen erschlossen werden. Es gibt zwar schon einige Anbieter am Markt, welche Daten auch für Fonds im Bereich der Alternativen Assets zentral erfassen, es ist aber noch lange nicht so, wie bei den Liquiden Assets, dass man einfach so adhoc – natürlich gegen Bezahlung – Daten vom Provider in sein System ziehen kann.
  • Systeme  bei den Fonds müssen für größere Datenvolumen vorbereitet werden.
  • Datenschnittstellen müssen definiert und eingerichtet werden.

Flexible Reporting (adhoc Reporting)

Inwieweit wirklich einmal ein adhoc-Reporting (besser Export) außerhalb der vorher fix vereinbarten Termine erfolgen wird, das wird genau bis zu dem Zeitpunkt ungewiss bleiben, an dem der Fall dann eintritt.

Eindeutige Signale gibt es allerdings, dass sich die Frequenz von quartalsweise auf monatlich ändern wird. Schon dies alleine ist nicht kompatibel mit der, als Standard anzusehenden, vierteljährlichen Frequenz in der Branche.

Wie sieht es heute in der Regel beim FoF Manager aus?

Viele Portfoliounternehmen reichen eher mit Verspätung die für die weitere Bearbeitungen relevanten Daten beim Fonds ein. Dieser muss dann unter gehörigem Zeitdruck die Bewertungen durchführen und Informationen in mehr oder weniger konsolidierter Form an seine Investoren, darunter eventuell auch FoF’s weiterleiten. Gelangen die Informationen zum FoF, dann müssen sie erfasst, validiert, bewertet und ins Berichtswesen überführt werden.

Ergo, Berichte werden meist mit „Ach und Krach“ an die Zieladresse Investor, darunter auch Versicherer, gebracht. Die Lieferkette ist lang, die Prozesse nicht immer optimiert.

Ein adhoc Reporting , initiiert durch einen Investor, ist grundsätzlich nicht vorgesehen.

Welche Auswirkung hat dies auf die Umsetzung der Solvency II Anforderungen?

  • Die komplette Datenkette muss optimiert werden, angefangen vom Zielunternehmen, über den Zielfonds und den FoF einschließlich eingebundener Service Dienstleister.
  • Wahrscheinlich muss verstärkt über den Bezug der Daten von Service Dienstleister nachgedacht werden. In diesem Zusammenhang, ist allerdings einiges (offene Schnittstellen, konforme Abbildung von Finanzinstrumenten  etc.) zu beachten.
  • Da die Bewertungen üblicherweise mit den Reporting Frequenzen synchronisiert sind, stellt das adhoc Reporting eine sehr große Herausforderung dar. Hier gilt es,  klare Regeln z.B. für die Punkte:
    • fehlende und verspätete Daten und Bewertungen
    • Extrapolation von Bewertungen

zu schaffen.

Nächste Woche geht es weiter mit dem Teilbeitrag 6.2.

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